Ziehe niemals mit jemandem in eine WG, der erwiesenermaßen psychisch krank ist! Das muss böse enden. In meinem Fall kündigte sich das Ende schon einige Zeit an, doch wie es dann letztendlich passierte, stellt alles vorherige in den Schatten. Chronologisch:
Prolog – Ende Januar 2009: Die Vorlesungszeit ist vorbei und wir schauen uns zu zweit nach Wohnungen um, da der Mitbewohner langsam aber sicher unerträglich wird. Die Kündigungsfrist der Wohnung läuft aber noch bis Ende März, wir haben also im Prinzip Zeit. Eine Wohnung gewinnt, wir nehmen den Mietvertrag erstmal mit nach Hause und wollen dann irgendwann unterschreiben und ganz entspannt Ende Februar/Anfang März umziehen.
Sa, 07.02.2009, abends: $female hat Besuch von einer Kommilitonin. Wir sitzen gemütlich zusammen in der Küche, als der Mitbewohner auftaucht, ein bisschen rumstänkert und sich mit seinem Laptop in der Küche auf den Mülleimer sitzt und tippt. Er täte dies, weil er seinem Ruf als Stalker gerecht werden müsse. Die Kommilitonin hat daraufhin Angst vor ihm und meint, wir sollten uns vor ihm in Acht nehmen. Sie sollte Recht behalten.
So, 08.02.2009, abends: Wir haben Besuch von einem Kommilitonen von mir. Gemütlich zusammensitzen und Waffeln backen. Später verziehen wir uns in ein Zimmer und löten an Audio-Steckern rum. Außerdem unterhalten wir uns leise. Gegen 22 Uhr klopft es. Der Mitbewohner meint, wir sollten doch ruhiger sein, da er am nächsten Morgen (um 11:30 Uhr!) eine Klausur schreibt und schlafen will. Da er nicht im geringsten für Rücksicht bekannt ist (Wenn er morgens um 5 laut Musik hört, ist das “notwendig” und “leider unvermeidlich” und “muss so sein”, aber wir haben gefälligst mucksmäuschenstill zu sein, wenn Seine Hoheit zu schlafen wünscht.), wird das Anliegen mehr oder weniger ausgebremst. Außerdem sind wir schließlich leise, die Zimmertür ist zu und im Nachbarzimmer sind wir defacto nicht zu hören. Gegen 1 Uhr geht mein Kommilitone und wir sitzen noch einige Zeit zu zweit in meinem Zimmer und unterhalten uns im Flüsterton. Wer das hören will, muss schon mit dem Ohr an der Tür im Flur lauschen. Gegen 4 Uhr gehen wir schlafen.
Mo, 09.02.2009, 6:00 Uhr: Laute Musik dröhnt durchs Haus. Der Mitbewohner ist also aufgestanden und möchte, dass das im ganzen Haus vernommen wird. Als er sich auf dem Flur laut mit $female streitet, stoße ich dazu, schüttele den Kopf und frage ihn, was er sich dabei denkt und wie er das den Nachbarn erklären will. Er spielt nervös mit dem Messer, mit dem er grade an einer Paprika rumschnippelt und meint: “Da fällt mir schon was ein, wenn sie sich beschweren.” Auf die Entgegnung, wir wären auch seine Nachbarn und würden uns grade beschweren, verschwindet er wortlos in seinem Zimmer, leise wird es aber nicht. Ich beschließe, zum Büro der Immobilienfirma zu fahren, sobald die aufmachen und die Übergabe der neuen Wohnung zu arrangieren, ASAP, am besten bis vorgestern. $female muss erstmal zur Arbeit.
Mo, 09.02.2009, 9:00 Uhr: Die Mitarbeiterin freut sich, dass wir die Wohnung haben wollen, hat aber nicht so viel Verständnis für die Dringlichkeit unseres Anliegens, wie erwünscht. Immerhin, der Übergabetermin wird für den nächsten Morgen um 8:00 Uhr festgeklopft. Als ich gegen 10 Uhr wieder zu Hause bin, ist der Mitbewohner weg, mit ihm allerdings auch das Internet. Auf Verbindungsversuche per TCP kommt nur ein RST zurück, UDP wird gänzlich gedroppt. Stöpselt man den Router aus und den Rechner direkt ans Kabelmodem, geht alles wunderbar. Der Mitbewohner hat root-Rechte auf dem Router. Weitere Schlussfolgerungen erspare ich mir hier.
Mo, 09.02.2009, 15:00 Uhr: Ich habe $female von der Arbeit abgeholt und auf den neuesten Stand bezüglich der Wohnungsübergabe gebracht. Wir tauchen wieder zu Hause auf und verziehen uns in ihr Zimmer. Die Wohnungstür war abgeschlossen, möglicherweise um uns vorzumachen, es wäre niemand da. Der Mitbewohner ist aber zu Hause. Das Aufschließen unserer Zimmertür (Die ich am Vormittag vorsichtshalber abgeschlossen hatte, nach solchen Auftritten wir am Morgen weiß man ja nie…) quittiert er nur mit der Bemerkung, man bräuchte für die Schlösser nichtmal ein Pickset, um sie zu öffnen. Aha.
Kurze Zeit später: Wieder dröhnt laute Musik durchs Haus. Soweit nicht ungewöhnlich. Doch dann fluten noch zweimal 100 Watt an Beleuchtung aus kurzer Distanz durch die Tür, die zu 80% aus Glas ist, dem also nicht viel entgegenzusetzen hat. Stirnrunzeln. Was soll das? Dazu laute Musik, Fingerschnipsen auf dem Flur und ab und an psychopathisches Lachen. Darf man das schon mit dem Psychoterror vergleichen, den Geheimdienste anwenden, um Häftlinge gefügig zu machen? Schließlich wird die Musik leiser, er telefoniert. Er wäre noch “beschäftigt”. Nicht nur in mir zeichnet sich dabei vor dem inneren Auge das scharfe Bild des Killers aus einem schlechten Horrorfilm, der mit dem Messer am Hals seines Opfers rumspielt, während er seinem Date am Telefon erklärt, er müsse noch arbeiten, wäre aber bald fertig. Während $female mit ihrem Vater telefoniert und ihm detailliert berichtet, was passiert, versuche ich einen meiner Kommilitonen zu überreden, uns zumindest für die nächste Nacht bei sich aufzunehmen, denn ab dem nächsten Morgen haben wir ja unsere neue Wohnung. In der alten hingegen ist es keine Sekunde länger auszuhalten.
Nachdem das Spiel schätzungsweise 2 Stunden so geht, fangen wir an, die nötigsten Dinge aus ihrem Zimmer zusammenzupacken, also Dokumente, Hardware, Wertgegenstände, ein bisschen Kleidung zum Wechseln. Anschließend dann der interessante Teil: Umsiedeln in mein Zimmer, dort das selbe mit meinem Besitz. Da wir ihm mittlerweile alles zutrauen, haben wir sicherheitshalber die Kamera im Anschlag, als wir die Tür öffnen und dabei die Lampe leider doch nicht umwerfen. Sie schließt ihre Tür ab, ich schließe meine Tür auf. Dabei nehme ich im Augenwinkel wahr, dass er sich auf sie stürzt, sie in den Schwitzkasten nimmt. Sie versetzt ihm einen Tritt und reißt sich los, ich drücke ihn (bildet sich ein, Karate zu können, ist aber einen Kopf kleiner als ich und 10 kg leichter) mehr oder weniger taktvoll gegen die Wand, sie verzieht sich in mein Zimmer, ich ebenfalls, er möchte hinterher. Stellt den Fuß in die Tür und brüllt etwas vom Recht am eigenen Bild. Ich brülle zurück, dass dies sich ausschließlich auf die Veröffentlichung bezieht, trete seinen Fuß weg und dresche die Tür vor seiner Nase zu.
Ich packe mein Zeug zusammen, inklusive PC und Monitor. Alles, was man nicht mit einem Mal tragen kann, soll erstmal aufs Fensterbrett und anschließend vom Garten aus geborgen werden. Das ist einer der eindeutigen Vorteile vom Parterre. Während ich Zeug in Kisten werfe, ist auf einmal das Licht aus und es wird düster. Da hat wohl wer den Sicherungskasten gefunden. Zum Glück habe ich schon einige Stunden vorher meinen Rechner vom Nachbarzimmer aus abgeschaltet, allerdings aus anderen Gründen: Ich wollte gefahrlos die Möglichkeit haben, vom Keller aus die gesamte Wohnung abzuklemmen, wenn ich es wieder leise und weniger hell haben möchte. So hat sich meine Weitsicht nun ausgezahlt. Bremsen kann er uns mit seiner Aktion aber nicht ansatzweise, es befinden sich ja lediglich drei Mag-Lite-Taschenlampen im Zimmer, die reichen locker aus…
Gegen 19:30 Uhr wiederholt sich das Spiel von vorher, läuft diesmal aber reibungslos ab: Tür auf, raus auf den Flur, Tür abschließen, Wohnungstür auf, raus, er steht im Flur und flötet freundlich “Tschüss”. Blamm! Die Tür knallt mit Wucht ins Schloss. Wir gehen zum Auto, werfen das Zeug rein, bergen meine restliche Hardware vom Fensterbrett und düsen davon. Wir sehen noch, wie in meinem Zimmer das Licht wieder angeht. Tja… in meinem Zimmer ist auch der Kabelanschluss und damit das Modem. Wenn er Internet möchte, muss er eben mein Licht brennen lassen.
Epilog – Di, 10.02.2009: Ich nehme morgens um 8:00 Uhr die neue Wohnung in Empfang und lege mich darin erstmal einige Stunden auf dem Fußboden hin und schlafe. Nachdem $female nachmittags von der Arbeit kommt, greifen wir uns den größten und breitschultrigsten meiner Kommilitonen, den ich auf die Schnelle auftreiben konnte. Einerseits, weil der gut mit anpacken kann, andererseits, weil es auch ein Zeichen setzt, dass wir uns nur mit durchsetzungsfähiger und notfalls gewaltbereiter Begleitung in die Wohnung trauen. Leider verpasst der Mitbewohner den Auftritt. Aber immerhin, nichtmal 48 Stunden nach Beginn der Show sind die beiden Zimmer halb leer und die Waschmaschine aus dem Bad sowie Teile der Kücheneinrichtung weg.
Es fehlen nur noch die großen Kleiderschränke und Küchenschränke, sowie das Sofa. Der Kram passt in mein kleines Auto nun beim besten Willen nicht, doch auch da ist spätestens diesen Sonntag alles verladen.
Was nun noch folgt? Wir haben noch finanzielle Dinge zu klären und müssen die gemeinsam angeschafften Haushaltsgegenstände irgendwie aufteilen. Das wird nicht einfach, wenn auf der anderen Seite jemand sitzt, der mittlerweile endgültig als unbefristet merkbefreit angesehen werden muss.